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Die Hugenotten

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Geschichte der Hugenotten

Die Reformation nach 1500, die auch in Deutschland um sich griff, schlug sich zur gleichen Zeit auf andere europäische Länder, so auch Frankreich, nieder. Im Gegensatz zu Deutschland wurde aber die reformierte Glaubensausübung durch den katholischen Klerus und den König in Frankreich unterdrückt. Man befürchtete, dass die aufkommende, neuartige Theologie sich zu einer weltlichen Grundordnung hinaufsteigern könnte, die gefährliche Wirkungen auf das Königshaus, den Adel und die französische Oberschicht haben könnte. Der Protestantismus erwies sich damals als liberal und weltoffen, und der römische Papst, von dem die Weltmacht ausging, arbeitete nicht mit Protestanten zusammen. Rom unterstützte nur die Adligen, die sich weiterhin zum Katholizismus bekannten, so war deren Macht dauerhaft gesichert.

Außerdem musste Frankreich seine Einflusssphären wahren. Es war von den Habsburgern an 3 Seiten bedroht, und kämpfte gegen diese in Norditalien. Sie konnten es sich zu diesem Zeitpunkt nicht leisten, die Unterstützung der mächtigen Kirchen zu verlieren. Die französischen Protestanten setzten sich stark zur Wehr, zerstörten katholische Klöster und Kirchen. Darauf hin wurde der Druck auf diese noch stärker. Nach 1530 flohen viele Hugenotten in die Schweiz, wo Ulrich Zwingli gerade eifrig reformierte und dabei die katholische Kirche schnell ihre Macht verlor. Trotz Straßenkämpfen, Verhaftungen bis hin zu Hinrichtungen traten immer mehr Bürger dem Protestantismus bei. Um 1560 waren das schon 2 Millionen Franzosen, etwa 10 % der Gesamtbevölkerung.

Seit 1560 bürgerte sich der Begriff „Hugenotten“ ein. Ihr Glaube war stark von Johannes Calvin beeinflusst und ist daher auch als „Calvinismus“ bekannt. Der in Genf lebende französische Protestant arbeitete mit den Glaubensbrüdern in seinem Heimatland zusammen und wurde so der Luther der Franzosen. Nachdem der Druck gegen Protestanten nicht abnahm, nahm darauf hin der Strom der Auswanderer zu. Diejenigen, die nicht ihr Land verlassen wollten, traten wieder zum Katholizismus über, obwohl sie vielleicht schon in der vierten oder fünften Generation zu ihrem Glauben standen. Die „Dragonaden“ besetzten 1681 die Häuser von Hugenotten und zwangen sie, dem Protestantismus abzuschwören.

Die Verfolgungen zogen sich über ein Jahrhundert lang hin, bis Ludwig XIV es auf die Spitze trieb und im Edikt von Fontainebleau (Revokationsedikt) alle Zugeständnisse zurücknahm. Darin stand, dass der bessere und größere Teil des französischen Volkes der katholischen Kirche angehören müsste, und demzufolge war es erlaubt, gegen die Hugenotten auch mit großer Härte und Brutalität vorzugehen. Die französischen Protestanten wurden so gezwungen, das Land zu verlassen. Etwa 250.000 Hugenotten genannte Franzosen wanderten darauf hin nach England, Deutschland, die Schweiz, die Niederlande, auch Amerika und Südafrika aus. In letzteren Gebieten zählten sie zu den frühen Siedlern, in Südafrika brachten sie Rebstöcke mit und so verbreitete sich der Weinanbau. Erst das Toleranzedikt Ludwigs XVI. von 1787 wies den Weg für die Ermöglichung eines freien Protestantenlebens in Frankreich. Die Absetzung des französischen Königs brachte dann auch die Möglichkeit der Entfaltung anderer europäischer Protestanten in Frankreich, so dass ihre Zahl wieder stieg.




Nizza und Erweiterung 1682



Die Hugenotten in Deutschland

Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 schuf sowohl als Religionskrieg zwischen einer katholischen und protestantischen Liga als auch als Völkerkrieg zwischen Habsburgern, Deutschen, Franzosen, Niederländern, Dänen und Schweden die Grundlage für weitere Auseinandersetzungen, die sich in Frankreich nach wie vor besonders gegen die protestantische Minderheit richteten. Darauf hin wanderten bis ca. 1680 etwa 50.000 Hugenotten nach Deutschland aus. Die besonders aus Südfrankreich stammenden Menschen wanderten über die Schweiz und dann rheinabwärts bis nach Frankfurt, wo es wie in Amsterdam ein großes Aufnahmelager gab. Sie nannten sich Réfugiés, was so viel wie Flüchtlinge bedeutet.

Bemerkenswerterweise steht Deutschland noch nach den Niederlanden nur an dritter Stelle der Aufnahmeländer. In der damaligen Zeit konzentrierten sich die Aufnahmeterritorien an bestimmten Orten. Hier war besonders Brandenburg-Preußen das Ziel der Glaubensflüchtlinge. Es umfasste große Teile des heutigen Brandenburgs zusammen mit dem östlichen Teil, der nach dem Zweiten Weltkrieg bei Polen verblieb, sowie den ebenfalls bei Polen verbliebenen Teil Pommerns, der sich längs der Ostsee bis nach Danzig erstreckte. Das Aufnahmeedikt vom 29.Oktober 1685 des Großen Kurfürsten von Potsdam wird hierzu als Ursprungsvertrag der Hugenotten in Deutschland betrachtet. Sie besiedelten größtenteils ein Gebiet 150 km rund um Berlin.

Jeweils tausende weiterer Hugenotten fanden eine neue Heimat in Baden, Württemberg, in der Kurpfalz, Franken, Hessen-Kassel, im Rhein-Main-Gebiet, Sachsen sowie im Saarland. Ebenso befindet sich ein Raum in Niedersachsen, der von den Hugenotten besiedelt wurde. Im Landkreis Kassel befinden sich besonders viele der hugenottischen Neugründungen. Viele Dörfer wurden von ihnen neu angelegt und bestehen bis heute. Im Umkreis von Hofgeismar wurden hierzu neben den mittelalterlichen deutschen Dörfern weitere Orte angelegt, in denen zunächst 20 bis 30 Hugenotten wohnten und Landwirtschaft betrieben. Aufgrund staatlicher Subventionen war es nur Franzosen erlaubt, sich in diesen Dörfern niederzulassen, was eine Gettoisierung und des Öfteren Ablehnung der deutschen Bevölkerung zur Folge hatte. Allerdings kamen später Mischehen auf, so dass man davon ausgehen kann, dass die dortigen Hugenotten langsam assimiliert wurden. 1825 wurde aber auch die dortige französische in die hessische deutsch-reformierte Kirche übernommen. Zu dieser Zeit war auch die französische Sprache so gut wie ausgestorben. Bis heute gehalten sich noch Bräuche, wie das Mayencefest, ein Frühlingsfest wie man es in Südfrankreich feiert.


Cordes (Südfrankreich) mit den Cabanes zu Füßen, 1920



In Baden halfen sie mit bei der Stadtanlage von Mannheim, das ebenfalls auf eine Neugründung dieser Zeit zurückgeht. In der Umgebung der späteren Residenzstadt Karlsruhe wurden die Dörfer Friedrichstal, Palmbach und Welschneureut gegründet, wobei die letzteren heute selbst zu Karlsruhe gehören. Neureut geht zurück auf die zwei gleichnamigen Dörfer mit dem Zusatz „Teutsch-„ und „Welsch-„ mit den dazugehörigen Bevölkerungsgruppen. 1935 wurden sie vereinigt und 1975 in die badische Landeshauptstadt eingegliedert. In Württemberg gab es ebenfalls viele Neugründungen, zum Beispiel die heutigen Wiernsheimer Ortsteile Pinache und Serres, sowie Perouse, Kleinvillars, Großvillars und Corres. Ebenfalls gab es Hugenottensiedlungen in Cannstatt, Stuttgart und Pforzheim, wo sie zum Aufbau der Schmuckindustrie beitrugen.

In Mecklenburg-Vorpommern gibt es den Ort Düvier. Weitere Siedlungen befanden sich in den Hansestädten, unter anderem auch in Danzig und in den ländlichen Regionen von Preußisch-Litauen, einem späteren Teil des ehemaligen Ostpreußens. In Brandenburg-Preußen gründeten sich Französisch-Reformierte Gemeinden, die heute zur Evangelischen Kirche gehören. Typisch französische Namen finden sich darüber hinaus in Berlin beim Stadtteil Moabit und im Oderbruch bei den Orten Vevais, Beauregard und Croustillier. Um 1700 war jeder Fünfte der 28.500 Einwohner französischstämmig.

Die Hugenotten stärkten das Gemeinleben in der Wirtschaft und Religion und festigten die Kontakte der deutschen Länder mit Frankreich. Sie trugen dazu bei, dass die französische Sprache in Europa beliebt wurde und sich die Oberschicht ihrer bediente. Die Länder brauchten Einwanderer, die über Arbeitskraft verfügten und deren Religion die gleiche war wie die des ansässigen Volkes. Die Hugenotten hatten Vorteile bei der Erlernung der lateinischen Sprache, die Ende des 17. Jahrhunderts immer noch die führende Wissenschafts- und Kultursprache in Deutschland war. Sie wurden Vermittler zwischen zwei Kulturen und trugen wesentlich zur Aufklärung in den deutschen Ländern bei.

Doch die Ansässigen waren keinesfalls offen gegenüber den Neulingen. Sie störten sich an der Andersartigkeit, der fremden Sprache oder der ungewöhnlichen Art der Religionsausübung. Hugenotten wurde der Eintritt in Zünfte verwehrt und ihre Häuser waren Ziel von Zerstörungen. Doch allmählich gelang es ihnen, sich zu integrieren, indem sie bestimmte Verhaltensweisen annahmen und ihnen mehr Zugeständnisse gemacht wurden. Sie predigten noch bis ins 19. Jahrhundert in französischer Sprache, dann auch abwechselnd auf Deutsch. Ihre Kirchenbücher werden erst seit 1896 in deutscher Sprache gehalten. Am Beispiel Berlin sieht man, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Hugenotten zu 70% deutsche Partner hatten, und ihre Nachfahren die französische Sprache nicht mehr lernten oder wenn, dann nur noch schlecht sprachen und verstanden.

Die Zeit der Industrialisierung brachte auch die Eisenbahn mit sich, doch als ab 1850 die schnellen Verbindungen nach Frankreich kamen, waren die Hugenotten schon weitgehend integriert und so war der einfachen Bauern- und Bürgerschicht der französischen Protestanten ein weitreichender Austausch mit der Heimat nie möglich. So gesehen ist es logisch, dass sich die Hugenotten in den meisten deutschen Ländern zwangsläufig integrieren mussten. Die evangelisch-reformierten Gemeinden vieler Orte lassen sich auf hugenottische Ansiedlungen zurückleiten. Württemberg gliederte diese Gemeinden Anfang des 19. Jahrhunderts in die lutherische Landeskirche ein, während andere deutsche Länder der reformierten Kirche ihre Selbstbestimmung weitergewährten.

Erst im 19. Jahrhundert setzte angesichts des sinkenden Selbstbewusstseins wieder eine Umorientierung der Hugenottennachfahren ein. In Berlin gründeten sich die „Réunion“ und die „Hugenottische Mittwochs-Gesellschaft“ sowie die Zeitschrift „Die Kolonie“. Ein besonderes Jubiläum konnte 1885 mit dem zweihundertjährigen Geburtstag des Edikts von Potsdam gefeiert werden. 1890 wurde der „Deutsche Hugenotten-Verein“ gegründet, der bis heute besteht und mittlerweile „Deutsche Hugenottengesellschaft“ heißt. In der NS-Zeit stellte die Parteileitung der NSDAP fest, die Hugenotten hätten über eine „besonders positive Auslese besten germanischen Blutes“ verfügt. In einer Relation steht dazu die Aussage eines französischen Pfarrers von 1935, wonach sich die Hugenotten eindeutig zum „deutschen Volk und Land“ bekannten. Die Hugenotten wurden in der NS-Zeit anscheinend wie jeder andere Deutsche auch behandelt.


Richelieu 1634



Heute gibt es von den Hugenotten nur noch wenige Spuren. Geblieben sind die Orte mit hugenottischer Tradition, die reformierte Kirche, die Familien, die französische Protestanten zu ihren Vorfahren zählen und damit verbunden ein gewisses „Hugenottentum“, d.h. das Bewusstsein als Hugenotte und in die Geschichte französischer Protestanten Interessierter. Fördernd ist hierzu auch das Engagement der Deutschen Hugenottengesellschaft. Der berühmte Dichter Theodor Fontane stammte aus einer Familie hugenottischer Nachfahren und wurde zu einem der bedeutendsten Verfasser preußischer Literatur.

Zu den Hinterlassenschaften zählen auch gewisse französische Wörter, denen sich die deutsche Sprache heute ganz selbstverständlich bedient. Ebenso gehören dazu auch französische Namen, die aus der alten Hugenottenzeit stammen. Wie bei anderen fremd klingenden Namen kam es mit der Zeit auch vor, dass diese ins Deutsche übernommen, oder umgestaltet wurden, so dass sie heute mehr Deutsch als Französisch klingen, schon der Aussprache wegen. Es ist daher heute eher selten, wenn man auf französische Namen stößt, obwohl ihre Zahl aufgrund der Weitergabe in Generationen deutlich größer sein müsste. In alten Kirchenbüchern vieler Orte findet man sie aber noch, die Einträge aus dem 17. Jahrhundert, als erstmals französische Namen in den Registern auftauchten.

In Bad Karlshafen, einer Stadt bei Kassel, die ebenfalls von Hugenotten gegründet wurde, gibt es das Deutsche Hugenotten-Museum. Es dokumentiert nach eigenen Angaben die Geschichte der Hugenotten in Frankreich und im deutschen Refuge. Im Hugenotten-Zentrum in Bad Karlshafen befindet sich eine Spezialbibliothek für die Forschung, die heute auch über einen Computer erschlossen ist. Die Gesellschaft gibt die Zeitschrift „Hugenotten“ heraus, die viermal im Jahr erscheint. Seit 45 Jahren findet jährlich der Deutsche Hugenottentag statt, wo sich Nachfahren und Interessierte austauschen.




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